Mehr als zwei Jahrzehnte sind seit dem Mord an Thomas »Schmuddel« Schulz vergangen. Trotzdem ist es weiterhin wichtig, an die Tat zu erinnern. Denn rechte Gewalt verschwindet nicht von selbst aus der Geschichte – sie wird verdrängt, relativiert oder schlicht vergessen, wenn niemand sie immer wieder öffentlich benennt. Dass wir auch 21 Jahre später noch einen Aufruf zu einer Kundgebung schreiben, ist deshalb weniger Ausdruck von Routine als von Notwendigkeit: Der Mord an Thomas Schulz darf nicht zu einer Randnotiz der Dortmunder Stadtgeschichte werden.
Ein Mord, der nicht vergessen werden darf
Am Abend des 28. März 2005 traf der damals 17-jährige Neonazi Sven Kahlin in der U-Bahn-Station Kampstraße auf eine Gruppe Punks, die auf dem Weg zu einem Konzert waren. Nach einem kurzen Wortgefecht folgte Thomas Schulz, der auch »Schmuddel« genannt wurde, dem Neonazi die Rolltreppe hinunter auf das Gleis. Dort zog Kahlin plötzlich ein Messer und stach ihm mit großer Wucht ins Herz. Thomas Schulz starb wenig später im Krankenhaus. Er wurde nur 31 Jahre alt und hinterließ Familie und Freund*innen.
Der Täter war damals kein Unbekannter. Er bewegte sich offen in der Dortmunder Neonazi-Szene und war bereits zuvor durch Angriffe auf Punks aufgefallen. Dennoch wurde der Mord im anschließenden Prozess nicht als politisch motivierte Tat anerkannt, sondern als eskalierter Streit verharmlost. Erst viele Jahre später erfolgte die offizielle Anerkennung als rechter Mord – eine späte Korrektur, die an der damaligen Verharmlosung wenig ändert.
Der Umgang von Behörden und Justiz mit dem Mord steht exemplarisch für eine Zeit, in der rechte Gewalt in Dortmund systematisch unterschätzt wurde. Während Neonazis ihre Strukturen ausbauten und immer wieder Menschen angriffen, dauerte es lange, bis diese Entwicklung öffentlich als das benannt wurde, was sie war: eine reale und tödliche Bedrohung.
Dortmund und die Kontinuität rechter Gewalt
Doch der Mord an Thomas Schulz war kein isoliertes Ereignis. Neben diversen anderen Gewalttaten in Dortmund wurde nur ein Jahr später mit Mehmet Kubaşık ein weiterer Mensch in dieser Stadt zum Todesopfer rechter Gewalt – erschossen von Mitgliedern des sogenannten »Nationalsozialistischen Untergrunds«. Auch dieser Mord wurde lange Zeit nicht als rassistische Tat erkannt.
Dortmund war über viele Jahre hinweg ein zentraler Ort der Neonazi-Szene in Deutschland. Organisierte Kameradschaften, Ableger rechtsterroristischer Netzwerke und gewalttätige Neonazis prägten die Stadt und verübten immer wieder Angriffe auf Migrant*innen, Linke und alle, die nicht in das Bild der »Volksgemeinschaft« passten. Auch wenn sich die Szene in den letzten Jahren verändert hat und einige ihrer früheren Strukturen an Bedeutung verloren haben, bedeutet das keineswegs, dass rechte Ideologien oder rechte Gewalt verschwunden sind. Viele der damaligen Akteure sind weiterhin präsent, wenn auch weniger sichtbar. Statt öffentlicher Aufmärsche setzen sie heute verstärkt auf niedrigschwellige Formen der Vernetzung – etwa durch sogenannte »offene Abende« in Dorstfeld, mit denen versucht wird, neue Anhänger zu gewinnen.
Gegen die Verharmlosung rechter Gewalt
Rechte Gewalt entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie speist sich aus gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen Rassismus, Antisemitismus und autoritäres Denken immer wieder Anschluss finden. Zugleich zeigt die Geschichte rechter Gewalt in Deutschland, wie häufig ihre politische Dimension heruntergespielt oder geleugnet wird. Die Perspektive der Betroffenen gerät dabei viel zu oft aus dem Blick.
Umso wichtiger bleibt es, an die Opfer zu erinnern und ihre Geschichten sichtbar zu halten. Der Blick richtet sich damit auf diejenigen, deren Leben durch rassistische, antisemitische oder neonazistische Ideologien zerstört wurde.
Auch nach über 20 Jahren: Kein Vergeben – kein Vergessen
Mehr als zwanzig Jahre später ist der Mord an Thomas Schulz in der öffentlichen Wahrnehmung nahezu verblasst. Die Erinnerung an »Schmuddel« bleibt daher Teil antifaschistischer Gedenkpolitik – nicht aus Nostalgie, sondern weil die Auseinandersetzung mit rechter Gewalt weiterhin notwendig ist und um die Tat ins Gedächtnis der Stadt zurückzuholen.
Mit einer Kundgebung wollen wir an Thomas Schulz erinnern und zugleich an alle Menschen, die Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt geworden sind. Wir wollen deutlich machen, dass wir die Kontinuitäten dieser Gewalt benennen und ihr entgegentreten.